Embedding-Modelle für Deutsch 2026: Warum der MTEB-Platz 1 der falsche Ratgeber ist
Die Wahl des Embedding-Modells ist die teuerste Einbahnstraße im gesamten RAG-Stack – ein Wechsel erzwingt die vollständige Neuindexierung des Korpus. Ausgerechnet die übliche Auswahlheuristik nach Leaderboard-Platz hält einer Robustheitsprüfung nicht stand, schon gar nicht für deutschsprachige Fachtexte.
Der MTEB-Gesamtsieger ist für deutsches Retrieval selten die richtige Wahl: In MTEB Multilingual v2 hängen an Deutsch nur 23 Datensätze gegenüber 67 für Englisch, das Clustering-Ranking beruht auf einem einzigen. Rankings kippen deshalb je nach Task und Aggregation.
Praktisch heißt das: nicht nach Platzierung auswählen, sondern zwei bis drei Kandidaten auf 50 bis 100 echten Fragen aus dem eigenen Korpus messen – und die Lizenz prüfen, bevor ein Modell in Produktion geht.
Jedes RAG-Projekt beginnt mit derselben Frage: Welches Embedding-Modell nehmen wir? Und fast jedes beantwortet sie gleich – ein Blick auf das MTEB-Leaderboard, oberste Zeile, fertig. Diese Heuristik ist bequem, sie ist verbreitet, und sie ist für deutschsprachige Fachkorpora nachweislich schlecht. Der Grund ist weder Modellqualität noch Marketing, sondern die dünne Datenbasis, auf der die deutschen Ranglisten stehen.
Dieser Beitrag ordnet ein, warum die Entscheidung mehr Gewicht hat als jede andere im Stack, was eine aktuelle Robustheitsstudie über deutsche Rankings sagt, welche Modelle im August 2026 realistisch zur Wahl stehen – und wie ein Auswahlverfahren aussieht, das in zwei Tagen belastbarer ist als jedes Leaderboard.
Warum das Embedding-Modell die teuerste Entscheidung im Stack ist
In einem RAG-System lassen sich fast alle Bausteine tauschen, ohne den Rest anzufassen. Ein anderes Sprachmodell? Endpunkt umbiegen, Prompt nachziehen, fertig. Ein anderer Prompt, ein anderes Chunking der Antwortformatierung, ein anderer Reranker in Stufe zwei – alles reversibel innerhalb eines Nachmittags.
Das Embedding-Modell ist die Ausnahme. Ein Embedding ist eine Koordinate in einem Vektorraum, den ausschließlich dieses eine Modell aufspannt. Vektoren zweier Modelle sind nicht ineinander überführbar – es gibt keine Konvertierung, keine Migration, keinen Adapter. Wer wechselt, muss den kompletten Korpus neu embedden und den Index in der Vektordatenbank von Grund auf neu aufbauen. Bei einem sechsstelligen Chunk-Bestand ist das GPU-Zeit im Tagesbereich, dazu ein Umschaltfenster, in dem entweder der alte oder der neue Index bedient wird, und ein vollständiger Re-Test der Retrieval-Qualität.
Dazu kommt ein zweiter, oft übersehener Hebel: die Vektordimension entscheidet direkt über die Infrastrukturkosten. Bei einer Million Chunks belegt ein 4.096-dimensionaler Vektor in float32 rund 16 KB, macht etwa 16 GB reinen Vektorspeicher. Ein 1.024-dimensionales Modell wie BGE-M3 landet bei rund 4 GB, EmbeddingGemma mit 768 Dimensionen bei rund 3 GB – und auf 128 Matryoshka-Dimensionen gekürzt bei etwa 0,5 GB. Zwischen der größten und der kleinsten Variante liegt in derselben Datenbank ein Faktor von über 30.
Merksatz für die Architekturentscheidung: Das LLM ist eine Konfiguration, das Embedding-Modell ist eine Migration. Genau deshalb verdient es die gründlichste Prüfung im gesamten Stack – und nicht die schnellste.
Warum Leaderboard-Rankings für Deutsch nicht tragen
Die Bewertungsbasis für Embedding-Modelle ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. MMTEB (arXiv 2502.13595, veröffentlicht auf der ICLR 2025) umfasst über 500 qualitätsgeprüfte Evaluations-Tasks in mehr als 250 Sprachen. Ein bemerkenswerter Befund steht schon im Paper selbst: Das über alle Sprachen hinweg beste öffentlich verfügbare Modell war nicht ein LLM-Riese, sondern das deutlich kleinere multilingual-e5-large-instruct.
Genau dieses Muster hat eine Robustheitsstudie im Mai 2026 systematisch untersucht (arXiv 2605.31142, eingereicht am 29. Mai 2026). Datenbasis war das MTEB-Multilingual-v2-Leaderboard im Abzug vom 26. Dezember 2025, gefiltert auf offene und zu 100 % Zero-Shot-fähige Modelle. Die Autoren analysierten fünf Sprachen – Englisch, Französisch, Deutsch, Hindi und Spanisch – über neun Task-Typen und prüften, ob die Ranglisten stabil bleiben, wenn man die Datensatz-Zusammensetzung oder die Aggregationsmethode variiert.
Der Befund: Deutsch ist die am stärksten eingeschränkte Sprache
Deutsch ist mit acht der neun Tasks abgedeckt, erreicht aber nur in zwei Tasks volle Robustheit – also Stabilität sowohl gegenüber der Datensatzauswahl als auch gegenüber der Aggregationsmethode. Englisch schafft fünf, Hindi immerhin drei. Die Studie formuliert es unmissverständlich: „German is the most constrained (one viable task-agnostic model)".
Dieses eine task-agnostisch robuste Modell für Deutsch ist llama-embed-nemotron-8b von NVIDIA – je nach Ranking-Schema in sechs bis sieben der neun Tasks unter den Top-10 und zugleich das einzige Modell, das über alle fünf untersuchten Sprachen robust bleibt. Dahinter folgen drei Modelle praktisch gleichauf mit fünf bis sechs Tasks: multilingual-e5-large-instruct, Qwen3-Embedding-4B und e5-mistral-7b-instruct. Qwen3-Embedding-8B und Octen-Embedding-8B kommen auf vier bis fünf.
Ausgerechnet Retrieval ist der instabilste Task
Vergleicht man die einzelnen Ranglisten mit dem MMTEB-v2-Leaderboard als Baseline, liegt die Rangkorrelation bei Bitext Mining zwischen 0,85 und 0,98 und bei Classification zwischen 0,93 und 0,97 – hier stimmt das Leaderboard also weitgehend. Bei Retrieval fällt sie dagegen auf 0,50 bis 0,92, bei STS auf 0,50 bis 0,97, beim englischen Clustering auf 0,45 bis 0,72, bei Pair Classification auf 0,65 bis 0,77 und bei Multilabel Classification bis hinunter auf 0,57.
Für RAG ist das die entscheidende Zeile: Retrieval – der einzige Task, auf den es in einer Wissensbasis wirklich ankommt – gehört zu den instabilsten. Ein Gesamtrang, der zu großen Teilen von Classification und Bitext Mining getragen wird, sagt über die Trefferqualität in Ihrem Dokumentenbestand fast nichts aus.
Der Beleg im Zeitraffer: Am 5. Juni 2025 – dem Release-Tag – meldete Qwen für Qwen3-Embedding-8B einen Score von 70,58 und Platz 1 im MTEB-Multilingual-Leaderboard. Am 21. Oktober 2025 beanspruchte NVIDIA für llama-embed-nemotron-8b Platz 1 auf MMTEB mit einem Mean Score von 69,46 über 131 multilinguale Tasks. Beide Zahlen sind korrekt, beide sind Herstellerangaben, und beide sind nicht direkt vergleichbar: andere Benchmark-Version, anderer Task-Umfang. Wer im August 2026 die 70,58 als aktuellen Stand zitiert, zitiert eine Momentaufnahme aus dem Juni 2025.
Warum die deutsche Datenbasis so dünn ist
Die Ursache ist schlicht Datenmangel. In MTEB Multilingual v2 hängen an Deutsch nur 23 Datensätze – gegenüber 67 für Englisch. Die Aufschlüsselung: 4 Classification, 1 Clustering, 4 Retrieval, 1 Reranking, 3 STS, 4 Pair Classification, 1 Multilabel Classification, 0 Instruction Reranking, 5 Bitext Mining. Das deutsche Clustering-Ranking beruht damit auf einem einzigen Datensatz. Und Deutsch ist damit noch privilegiert: Von 1.037 im Benchmark vertretenen Sprachen haben 798 überhaupt nur einen einzigen Datensatz.
Der stille Datenschutz-Leak: Embedding-APIs
Bei Chat-Anwendungen ist das Datenschutzrisiko vielen bewusst: Die Nutzerfrage geht zum Anbieter. Bei Embedding-APIs ist die Lage grundsätzlich anders – und sie wird regelmäßig unterschätzt.
Denn die Indexierung überträgt nicht die Fragen, sondern die Antworten. Jedes Dokument, das in die Wissensbasis soll, wird in Chunks zerlegt, und jeder einzelne dieser Chunks geht als Klartext an den API-Endpunkt. Der komplette Bestand verlässt das Haus – Personalakten, Gehaltsstrukturen, Rahmenverträge mit Konditionen, Konstruktionsunterlagen, Gutachten, Protokolle. Auch die 95 % der Dokumente, die nie jemand abfragen wird, gehen mit. Ein einziger Reindexierungslauf überträgt mehr sensible Substanz als ein Jahr Chat-Nutzung.
Rechtlich ist das Auftragsverarbeitung über den gesamten Wissensbestand, in der Praxis meist verbunden mit einem Drittlandtransfer. Ein AV-Vertrag deckt das formal ab – aber der Umfang, den man da unterschreibt, entspricht faktisch dem gesamten dokumentierten Betriebswissen. Wer das gegen die Alternative hält, sollte wissen: Das Embedding ist ausgerechnet der Teil des Stacks, den man am leichtesten selbst betreibt. Mehr dazu unter Wissen sichern.
Hinzu kommt der ökonomische Lock-in. Wer den Index einmal mit einer proprietären API gebaut hat, hängt an deren Preisliste, deren Verfügbarkeit und deren Modell-Lebenszyklus. Stellt der Anbieter das Modell ein, ist eine vollständige Neuindexierung fällig – dann eben nicht zum selbst gewählten Zeitpunkt.
Kandidatenfeld 2026: Größe, Kontext, Dimensionen, Lizenz
Das realistisch verfügbare Feld für den On-Premise-Betrieb ist überschaubar. Entscheidend sind vier Kennzahlen: Parameterzahl (Hardwarebedarf), Kontextfenster (maximale Chunk-Länge), Vektordimension (Speicherkosten) und Lizenz (Einsetzbarkeit im Unternehmen).
| Modell | Parameter | Kontext | Dimensionen | Lizenz |
|---|---|---|---|---|
| BGE-M3 (BAAI) | XLM-RoBERTa-Large | 8.192 Token | 1.024 | MIT |
| Qwen3-Embedding-0.6B | 0,6 Mrd. | 32.768 Token | 1.024 (MRL ab 32) | Apache 2.0 |
| Qwen3-Embedding-4B | 4 Mrd. | 32.768 Token | 2.560 (MRL ab 32) | Apache 2.0 |
| Qwen3-Embedding-8B | 8 Mrd. | 32.768 Token | 4.096 (MRL ab 32) | Apache 2.0 |
| EmbeddingGemma-300M | 308 Mio. | 2.048 Token | 768 (MRL 512/256/128) | Gemma Terms of Use |
| llama-embed-nemotron-8b | 7,5 Mrd. | 32.768 Token | 4.096 | NSCL v1 / CC BY-NC-ND – nicht kommerziell |
Die Lizenzfalle in der letzten Zeile
Das robusteste Modell für Deutsch ist für den produktiven Unternehmenseinsatz gesperrt. llama-embed-nemotron-8b steht unter NVIDIAs Customized NSCL v1 beziehungsweise CC BY-NC-ND 4.0 – ausschließlich Forschung und nicht-kommerzielle Nutzung. Technisch ist es ein starkes Modell: 7,5 Mrd. Parameter auf Basis von Meta-Llama-3.1-8B mit bidirektionaler Attention, 4.096 Dimensionen, 32.768 Token Kontext, trainiert auf 16,1 Mio. Query-Dokument-Paaren (7,7 Mio. öffentlich, 8,4 Mio. synthetisch), veröffentlicht am 21. Oktober 2025. Für eine deutsche GmbH mit produktiver Wissensbasis ist es trotzdem keine Option. Wer es als Default empfiehlt, ohne die Lizenz zu nennen, macht einen handfesten Fehler.
Was daraus praktisch folgt
- BGE-M3 ist das bewährte Arbeitspferd: MIT-lizenziert, 8.192 Token Kontext, über 100 Sprachen und – ungewöhnlich – Dense-, Sparse- und Multi-Vector-Repräsentationen in einem Modell. Der Release stammt allerdings aus dem Februar 2024; im August 2026 ist das Modell zweieinhalb Jahre alt und bei der Rohqualität nicht mehr Stand der Technik.
- Qwen3-Embedding ist die vollständigste Familie: drei Embedding-Größen (0,6B / 4B / 8B) und drei Reranker in exakt denselben Größen, alles unter Apache 2.0, 32K Kontext, über 100 Sprachen inklusive Programmiersprachen und per Matryoshka frei wählbare Dimensionen von 32 bis 4.096. Für Deutsch gilt aber: Die Studie stuft Qwen3-Embedding-4B als task-agnostische Alternative für Englisch, Französisch und Spanisch ein – ausdrücklich nicht für Deutsch.
- EmbeddingGemma-300M ist die Sparoption. Abgeleitet aus Gemma 3 mit T5Gemma-Initialisierung, trainiert auf Daten aus über 100 Sprachen (arXiv 2509.20354, September 2025), MTEB-Multilingual-v2 Mean Task Score 61,15 bei 768 Dimensionen. In bfloat16 belegt es rund 0,6 GB, quantisiert nennt Google unter 200 MB RAM. Wichtig: Die Modellkarte schließt float16 für die Aktivierungen ausdrücklich aus – float32 oder bfloat16 verwenden. Und das Kontextfenster von nur 2.048 Token ist bei langen deutschen Fachdokumenten ein echtes Ausschlusskriterium, wenn man große Chunks fahren will.
Deutsche Komposita, Fachjargon und Late Interaction
Ein Single-Vector-Embedding presst einen kompletten Chunk in eine einzige Koordinate. Das funktioniert erstaunlich gut – hat aber im Deutschen zwei strukturelle Schwachstellen, die man kennen sollte, auch wenn dazu keine belastbare Benchmark-Zahl vorliegt.
Komposita. „Getriebeölwechselintervall" ist im Deutschen ein Wort, das ein Subword-Tokenizer in mehrere Fragmente zerlegt – und zwar nicht zwingend an den morphologisch sinnvollen Grenzen. Ob die semantische Nähe zu „Wartungsintervall Getriebe" im Vektorraum erhalten bleibt, hängt davon ab, wie oft solche Bildungen im Trainingskorpus vorkamen. Bei produktiven Neubildungen aus dem eigenen Betrieb ist die Antwort: selten bis nie.
Fachterminologie. Hausinterne Bezeichnungen, Teilenummern, Normkürzel und branchenspezifische Abkürzungen sind in multilingualen Trainingskorpora systematisch unterrepräsentiert. Genau danach wird in einer Wissensbasis aber gesucht.
Beide Punkte sprechen dafür, sich nicht ausschließlich auf dichte Vektoren zu verlassen. Hybrid Search – die Kombination aus lexikalischem BM25-Treffer und semantischem Vektortreffer – fängt exakte Zeichenfolgen wieder ein, die ein reines Embedding verwischt. Und für die Fälle, in denen ein einzelner Vektor zu grob ist, gibt es Late Interaction: Statt eines Vektors pro Chunk werden Token-Vektoren gespeichert und beim Abgleich einzeln gegen die Anfrage geprüft – die ColBERT-Architektur. Der praktische Anker dafür: BGE-M3 liefert Multi-Vector-/ColBERT-Retrieval nativ mit, es braucht also kein zusätzliches Modell im Stack. Der Preis ist Speicher, denn statt eines Vektors pro Chunk landen viele in der Datenbank.
Ergänzend gibt es dedizierte deutsche ColBERT-Modelle für Late Interaction. Ob sich der Aufwand lohnt, entscheidet dieselbe Regel wie überall in diesem Artikel: die Messung am eigenen Korpus, nicht die Architekturdiskussion.
Bemerkenswerter Nebenbefund der Studie: Für deutsches Retrieval nennen die Autoren jina-embeddings-v3 sowie bilingual-embedding-large und -base als die Modelle mit den stabilsten Top-Rankings – kleine, retrieval-spezialisierte Encoder, nicht die 8B-Leaderboard-Sieger. Ihre Erklärung: Spezialisierte Encoder sind auf Retrieval-Ähnlichkeit optimiert, während LLM-abgeleitete Embedding-Modelle eine „residual generative structure" behalten, die nicht über alle Tasks gleich ausgerichtet ist.
Auswahlverfahren: auf eigenen Daten messen, nicht auf Leaderboards
Die Studie zeigt, dass Modellrankings kritisch von der Datensatz-Zusammensetzung und der Aggregationsmethode abhängen – „model rankings depend critically on the aggregation procedure used". Die praktische Konsequenz ist unbequem, aber einfach: 50 bis 100 echte Fragen aus dem eigenen Betrieb schlagen jedes Leaderboard. Das folgende Vorgehen kostet zwei bis drei Personentage und ist reproduzierbar.
- Goldstandard-Set bauen. Sammeln Sie 50 bis 200 reale Fragen, wie sie tatsächlich gestellt werden – aus Ticketsystem, Support-Postfach, Serviceprotokollen. Zu jeder Frage notieren Fachleute die Zielpassage: Dokument, Seite, Absatz. Ohne belegte Zielpassagen ist die ganze Messung wertlos.
- Chunking einfrieren. Alle Kandidaten laufen mit identischer Chunking-Strategie, identischer Chunk-Größe und identischem Overlap. Wer hier variiert, misst das Chunking und nicht das Modell. Achten Sie darauf, dass die Chunk-Länge zum kleinsten Kontextfenster im Kandidatenfeld passt – bei EmbeddingGemma sind das 2.048 Token.
- Zwei bis vier Kandidaten indexieren. Mehr braucht es nicht. Eine sinnvolle Auswahl für ein deutsches Unternehmen: BGE-M3 als Referenz, Qwen3-Embedding-0.6B oder -4B als moderner Kandidat, EmbeddingGemma-300M als Sparoption, optional ein retrieval-spezialisierter Encoder.
- Recall@k und nDCG messen. Recall@10 beantwortet die Frage „ist die richtige Passage überhaupt in den zehn Treffern?", nDCG@10 zusätzlich „steht sie weit genug oben?". Beide Kennzahlen sind mit wenigen Zeilen Code aus dem Goldstandard-Set berechenbar – und ersetzen jedes Bauchgefühl im Auswahlmeeting.
- Zweite Stufe getrennt bewerten. Erst wenn das Basis-Retrieval steht, kommen Reranking und Hybrid Search dazu. Ein guter Reranker kaschiert ein mittelmäßiges Embedding-Modell überraschend weit – das ist ein legitimer Architekturweg, aber Sie sollten wissen, welche Stufe welchen Anteil beiträgt.
- Dimensionen als Kostenhebel prüfen. Bei Matryoshka-fähigen Modellen: Messen Sie dieselbe Konfiguration mit voller und mit gekürzter Dimension. Sinkt nDCG@10 kaum, sparen Sie im Index den Faktor vier bis acht.
Die Ähnlichkeitsberechnung selbst – in aller Regel Kosinus-Ähnlichkeit – ist dabei kein Stellhebel. Sie ist über alle Kandidaten gleich und darf in der Bewertung keine Rolle spielen.
Aus der Praxis: Ein Maschinenbauer testet drei Kandidaten auf 120 Servicefragen mit belegten Zielpassagen. Das größte Modell gewinnt bei Recall@10 knapp – kostet aber viermal so viel Vektorspeicher und rund die dreifache Indexierungszeit. Das kleinere Modell liegt zwei Prozentpunkte darunter, holt die Differenz mit einem Cross-Encoder-Reranker in Stufe zwei aber vollständig auf. Entschieden wurde für das kleinere Modell – und die Entscheidung ist mit Zahlen dokumentiert statt mit einer Leaderboard-Platzierung begründet. Wie so ein Aufbau aussieht, zeigen wir unter Agentic RAG und Wissensbasis.
Der schnellste Weg zu lokaler KI: erst Retrieval, dann Generierung
Wer den Einstieg in eine vollständig eigene KI-Pipeline sucht, sollte ihn beim Embedding machen – nicht beim Sprachmodell. Die Gründe sind pragmatisch.
Erstens ist der Hardwarebedarf minimal. Ein Modell mit 300 bis 600 Mio. Parametern läuft in deutlich unter 1 GB VRAM, EmbeddingGemma quantisiert sogar unter 200 MB RAM. Für die Indexierung eines mittleren Dokumentenbestands reicht eine kleine GPU, bei überschaubaren Mengen genügt zeitweise sogar die CPU. Das ist eine ganz andere Größenordnung als ein Generierungsmodell mit 70 Mrd. Parametern.
Zweitens ist der Datenschutzgewinn hier am größten. Genau die Komponente, die den kompletten Korpus verarbeitet, bleibt im Haus. Die spätere Generierung sieht immer nur die drei bis fünf abgerufenen Chunks – ungleich weniger Substanz als der vollständige Bestand.
Drittens bleibt der Index unabhängig vom LLM-Anbieter. Wer heute mit einem kleinen lokalen Sprachmodell startet und in einem Jahr auf ein stärkeres wechselt, tauscht genau eine Komponente aus – die semantische Suche und der gesamte Index bleiben unangetastet. Umgekehrt gilt das nicht.
Der sinnvolle Startpunkt ist damit erstaunlich klein: ein Embedding-Modell, eine Vektordatenbank, ein Goldstandard-Set aus dem eigenen Betrieb. Die Generierung zieht man nach, wenn das Retrieval belegbar funktioniert. Welche Hardware dafür in Frage kommt, klären wir unter On-Premise-KI-Server.
Quellen & Primärbelege
Alle Zahlen, Fristen und Produktangaben in diesem Beitrag wurden vor der Veröffentlichung gegen die folgenden Primärquellen geprüft.
- arXiv 2605.31142 On the Robustness of Multilingual Text Embedding Rankings, eingereicht 29.05.2026 – Volltext-PDF ausgewertet
- arXiv 2605.31142v1 (HTML) Tabellen zu Datensatzabdeckung, Robustheit je Sprache und Rangkorrelationen
- Qwen-Blog Qwen3-Embedding: Score 70,58, MTEB-Multilingual-Platz 1, Stand 05.06.2025
- Hugging Face Qwen3-Embedding-8B: 32K Kontext, 4.096 Dimensionen, Apache 2.0
- Hugging Face llama-embed-nemotron-8b: Modellkarte und Lizenz NSCL v1 / CC BY-NC-ND 4.0
- arXiv 2511.07025 Llama-Embed-Nemotron-8B, 10.11.2025 – Trainingsdaten und Architektur
- Hugging Face EmbeddingGemma-300M: 2.048 Token Kontext, bfloat16-Hinweis, MTEB-Score 61,15
- arXiv 2509.20354 EmbeddingGemma, September 2025 – 308 Mio. Parameter, Gemma-3-Ableitung
- Hugging Face BGE-M3: MIT-Lizenz, 8.192 Token, Dense/Sparse/Multi-Vector, Release 02/2024
- arXiv 2502.13595 MMTEB: über 500 Tasks in mehr als 250 Sprachen
- ICLR 2025 Proceedings MMTEB, publizierte Fassung
Häufig gestellte Fragen zu Embedding-Modellen
Welches Embedding-Modell ist für Deutsch das beste?
Es gibt kein pauschal bestes Modell. Robustheitsuntersuchungen zeigen, dass für Deutsch nicht der MTEB-Gesamtsieger, sondern task-agnostisch robuste Modelle die bessere Wahl sind – messen Sie auf Ihrem eigenen Korpus.
Warum kann ich das Embedding-Modell nicht einfach später wechseln?
Weil Vektoren verschiedener Modelle nicht kompatibel sind. Ein Wechsel erzwingt die vollständige Neuindexierung des gesamten Korpus.
Was spricht gegen eine Embedding-API?
Neben Kosten und Lock-in vor allem der Datenabfluss: Für die Indexierung wird jedes einzelne Dokument übertragen, nicht nur die späteren Nutzerfragen.
Wie viel Hardware brauche ich für lokale Embeddings?
Sehr wenig. Modelle im Bereich von 300 Mio. bis 600 Mio. Parametern laufen in unter 1 GB VRAM, teilweise sogar akzeptabel auf CPU.
Embedding-Auswahl auf Ihren eigenen Daten messen
Wir bauen mit Ihnen das Goldstandard-Set, indexieren zwei bis vier Kandidaten und liefern Recall@k und nDCG als Entscheidungsgrundlage – On-Premise, ohne dass ein Dokument das Haus verlässt.