AWS European Sovereign Cloud im Realitätscheck: Aufpreis, Lücken und die KI-Frage
Seit dem 15. Januar 2026 ist die AWS European Sovereign Cloud mit erster Region in Brandenburg live, mehr als 7,8 Milliarden Euro Investition angekündigt. Bis zum Sommer liegen die ersten unabhängigen Analysen vor – und sie sind ernüchternd: rund 15 Prozent Aufschlag, kein Free Tier und zum Start ausgerechnet keine GPU-Instanzen. Also genau das, wofür man eine souveräne Cloud bräuchte.
Die AWS European Sovereign Cloud ist seit 15. Januar 2026 verfügbar – zu rund 15 % Aufpreis. Erste Region ist eusc-de-east-1 in Brandenburg mit zwei Availability Zones, betrieben von einer deutschen Muttergesellschaft mit drei GmbH-Töchtern. Unabhängige Preisvergleiche (tecRacer, Januar 2026) zeigen durchgängig etwa +15 % gegenüber Frankfurt.
Der Souveränitätsanspruch hat Grenzen: Drei der fünf Mitglieder des „unabhängigen Beirats" sind Amazon-Beschäftigte.
Zwei Jahre lang war die AWS European Sovereign Cloud ein Versprechen. Seit dem 15. Januar 2026 ist sie ein Produkt, das man buchen und in Rechnung gestellt bekommen kann. Und genau das macht die Bewertung endlich möglich: Statt über Absichtserklärungen zu diskutieren, lassen sich jetzt Preislisten vergleichen, Instanztypen zählen und Servicekataloge gegeneinanderhalten.
Das Ergebnis nach einem halben Jahr Betrieb ist unbequem für alle, die gehofft hatten, das Souveränitätsproblem lasse sich per Vertragswechsel lösen. Die ESC ist technisch solide gebaut, aber sie kostet spürbar mehr, kann spürbar weniger – und die juristische Kernfrage beantwortet sie nicht. Wer damit KI-Workloads betreiben will, stößt zusätzlich auf eine Hardwaregrenze, die im Marketingmaterial nicht vorkommt.
Was die AWS ESC ist
Die AWS European Sovereign Cloud ist keine weitere Region im vertrauten AWS-Verbund, sondern eine eigene Partition mit dem Kennzeichen aws-eusc. Technisch ist sie damit so weit vom globalen AWS getrennt wie GovCloud (US) oder AWS China: eigene IAM-Instanz, eigene Konsole, eigene Abrechnung. Ein bestehender AWS-Account funktioniert dort nicht – es braucht einen neuen. Das ist kein Detail, sondern ein Migrationsprojekt.
Die erste Region heißt eusc-de-east-1, liegt in Brandenburg und startete mit zwei Availability Zones. Betrieben wird sie von einer neu gegründeten deutschen Muttergesellschaft plus drei deutschen GmbH-Tochtergesellschaften. Betrieb, technischer Support und Kundenservice laufen ausschließlich über in der EU ansässiges Personal. Das ist mehr als eine Fassade – aber es ändert nichts daran, dass diese Gesellschaften gesellschaftsrechtlich Töchter des US-Konzerns Amazon bleiben.
Der Beirat und seine Zusammensetzung
Als zusätzliche Absicherung verweist AWS auf einen unabhängigen Beirat. Er hat fünf Mitglieder, alle EU-Bürger mit Wohnsitz in der EU. Drei davon – Stephane Ducable, Ian McGarry und Barbara Scarafia – sind Amazon-Beschäftigte. Extern sind nur zwei: General a. D. Philippe Lavigne und Sinead McSweeney. Amazon hält also die Mehrheit im eigenen Kontrollgremium. Wer das Gremium als Garantie in eine Risikobewertung schreibt, sollte diese Zahl kennen.
Investition und Serviceumfang
AWS beziffert die Investition auf mehr als 7,8 Milliarden Euro; nach der ursprünglichen Ankündigung mit Zieljahr 2040. Dazu kommen die üblichen Standortargumente: im Schnitt 2.800 Vollzeitstellen pro Jahr und rund 17,2 Milliarden Euro Beitrag zum deutschen BIP. Beim Serviceumfang wird es dünner. Zum Start standen „mehr als 90 Services" bereit – prominent fehlten unter anderem CloudFront, Security Hub, Inspector, CodeBuild, CodePipeline, CodeCommit, Elastic Beanstalk, Managed Grafana, Managed Prometheus, Amazon MQ und der volle AWS Marketplace.
Nachgereicht wurde 2026 in ordentlichem Tempo: AWS Network Firewall am 13. März, IAM Identity Center am 31. März, Elastic Disaster Recovery am 16. April. Die Richtung stimmt. Die Lehre bleibt trotzdem: Die ESC ist kein Feature-Klon der Standardregionen, sondern hinkt strukturell hinterher. Wer eine bestehende Architektur eins zu eins überführen will, sollte den Servicekatalog vorher Zeile für Zeile abgleichen – und das nicht einmal, sondern zum geplanten Migrationszeitpunkt erneut. Über Deutschland hinaus will AWS die ESC mit souveränen Local Zones in Belgien, den Niederlanden und Portugal erweitern; konkrete Termine dafür wurden bislang nicht genannt.
Der Preisaufschlag in Zahlen
Souveränität kostet Geld – die Frage ist nur, wie viel. Unabhängige Preisvergleiche vom Januar 2026, unter anderem von tecRacer, haben die ESC-Listenpreise gegen eu-central-1 (Frankfurt) gestellt. Das Muster ist bemerkenswert gleichmäßig:
| Service / Konfiguration | Preis ESC (mtl.) | Delta zu Frankfurt |
|---|---|---|
| S3 Standard, 1 TB | 247,58 € | +15 % |
| EC2 c6i.large (Linux) | 36,26 € | +15 % |
| RDS PostgreSQL db.m6i.2xlarge | 1.426,21 € | +15 % |
| Lambda (100 req/s, 200 ms, 256 MB) | 268,00 € | +15 % |
| DynamoDB On-Demand, 500 GB | 150,99 € | +15 % |
Andere Auswertungen kommen je nach Warenkorb auf bis zu 17 Prozent. Die saubere Formulierung für eine Budgetvorlage lautet deshalb: rund 15 Prozent, je nach Analyse bis 17 Prozent. Bei einem jährlichen Cloud-Budget von 400.000 Euro sind das 60.000 bis 68.000 Euro zusätzlich – für exakt dieselbe Rechenleistung.
Die versteckten Positionen
Zwei Punkte tauchen in Prozentvergleichen nicht auf und treffen kleinere Kunden überproportional. Erstens: In der ESC gibt es kein Free Tier. Jeder Testballon, jede Proof-of-Concept-Umgebung, jede Schulungsinstanz wird ab der ersten Minute abgerechnet. Zweitens der Support. Business-Support kostet in der ESC mindestens 86 Euro pro Monat gegenüber 29 US-Dollar im regulären AWS – also grob das Dreifache als Einstiegspreis. Interessanterweise dreht sich das Verhältnis oben: Enterprise-Support liegt mit mindestens 4.300 Euro leicht unter den 5.000 US-Dollar der Standardregionen. Der Aufschlag trifft also vor allem den Mittelstand, nicht den Konzern.
Und die Wettbewerber?
Die ESC ist damit nicht Ausreißer, sondern Marktmitte. Delos Cloud, die SAP-Tochter, die souveräne Microsoft-Dienste für die öffentliche Hand bereitstellt, liegt laut Computerwoche und Tagesspiegel bei rund 15 Prozent über dem deutschen Microsoft-Listenpreis; Golem nennt eine Spanne von 10 bis 20 Prozent. Google Sovereign Cloud beziehungsweise S3NS bewegt sich nach einer BCG-Analyse von 2025 ebenfalls bei 10 bis 20 Prozent über dem Public-Cloud-Preis. Oracle wirbt bei seiner EU Sovereign Cloud mit Listenpreis-Parität – gleiche SKU, gleicher Preis. Dieselbe BCG-Analyse beziffert den effektiven Aufschlag dort allerdings auf 15 bis 30 Prozent, weil Mindestabnahmen, Kapazitätsmodelle und Betriebsaufwand in der SKU nicht abgebildet sind.
Merksatz für die Beschaffung: Der Aufpreis für souveräne Hyperscaler-Angebote liegt marktweit im Korridor 10 bis 20 Prozent. Wer eine Null in der Preisliste sieht, hat entweder ein sehr gutes Angebot – oder die Kosten stehen an anderer Stelle im Vertrag.
Die KI-Lücke: von „keine GPUs" zu „nur Inferenz"
Hier wird es für jeden interessant, der die souveräne Cloud wegen KI ansieht. Zum Launch im Januar 2026 bot die ESC ausschließlich die Instanzfamilien t, c, m, r und i an. Übersetzt: Allzweck, Compute-optimiert, Memory-optimiert, Storage-optimiert – und keine einzige GPU. Eine souveräne Cloud ohne Beschleuniger ist für generative KI schlicht kein Zielsystem.
Seit dem 7. Mai 2026 hat sich das teilweise geändert: EC2-G6-Instanzen mit NVIDIA L4 und 24 GB pro GPU sind in der ESC verfügbar. Das ist ein echter Fortschritt, aber es ist wichtig, die Klasse einzuordnen. G6/L4 ist Inferenz- und Grafikhardware. Trainings-GPUs der P-Familie – H100, H200, B200 – sind für die ESC bis heute nicht angekündigt. Der korrekte Stand für 2026 lautet also: zum Start keine GPUs, seit Mai nur die kleine Inferenzklasse, keine Trainings-GPUs.
Was 24 GB praktisch bedeuten
24 GB VRAM pro Karte sind eine harte Grenze. Für Inference mit Modellen bis rund 8 Milliarden Parametern in halber Präzision ist das komfortabel. Ein 32B-Modell braucht bereits Quantisierung auf 4 Bit oder Tensor-Parallelismus über mehrere Karten. Ein 70B-Modell in bf16 ist auf L4-Hardware kein sinnvolles Ziel mehr. Und Fine-Tuning oder Continued Pretraining auf eigenen Daten – der Fall, in dem Souveränität am meisten wert wäre – findet dort gar nicht statt.
Die zweite Grenze: der Modellkatalog
Amazon Bedrock war zum Start dabei, aber nur mit Amazon Nova Lite und Amazon Nova Pro. Claude, Mistral und Llama fehlten, ebenso zentrale Bedrock-Funktionen wie Knowledge Bases für RAG und Fine-Tuning. Für 2026 ließ sich bis zum Stand der öffentlichen Ankündigungen im Sommer keine Erweiterung des Modellangebots in der ESC belegen; die AWS-Dokumentation verweist nur dynamisch auf „Model support by AWS Region". Wer plant, sollte den aktuellen Stand deshalb vor Vertragsschluss selbst prüfen – und nicht auf eine Roadmap bauen.
Der strukturelle Punkt bleibt unabhängig vom Tagesstand: In einer verwalteten Modell-API wählt nicht der Kunde das Modell, sondern der Anbieter das Angebot. Wer ein bestimmtes Open-Weight-Modell betreiben muss, weil es auf seiner Fachsprache evaluiert wurde, weil es in einer Zertifizierung namentlich steht oder weil es eine bestimmte Lizenz mitbringt, hat in einem Katalogmodell keinen Hebel.
Praxisfall: Prüfbericht-Assistent im Anlagenbau
Ein Anlagenbauer wollte Prüfberichte, Abnahmeprotokolle und Schweißnahtdokumentation über einen internen Assistenten durchsuchbar machen. Anforderung aus der QM-Abteilung: das eingesetzte Modell muss namentlich im Verfahrensverzeichnis stehen und darf sich ohne Freigabe nicht ändern. In der souveränen Cloud war beides nicht darstellbar – der Katalog bestimmt das Modell, Versionswechsel liegen beim Anbieter. Zusätzlich sollten drei Fachmodelle auf firmeneigenen Prüfberichten nachtrainiert werden; dafür fehlten Trainings-GPUs vollständig. Umgesetzt wurde am Ende auf zwei eigenen Karten im Serverraum: Modell festgeschrieben, Versionsstand dokumentiert, Nachtraining im Haus.
Warum der Standort juristisch nicht reicht
Die härteste Kritik an souveränen Hyperscaler-Angeboten kommt nicht aus der Open-Source-Szene, sondern aus einem Gutachten, das die Bundesregierung selbst bestellt hat. Die Universität zu Köln erstellte es im März 2025 im Auftrag des Bundesinnenministeriums. Öffentlich wurde es erst im Dezember 2025 – über eine FragDenStaat-Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz, und auch dann nur stark geschwärzt.
Die Kernaussage ist knapp und folgenreich: Nicht der physische Speicherort begründet die US-Jurisdiktion, sondern die Kontrolle über die Daten. Auch deutsche Tochtergesellschaften von US-Konzernen sind erfasst. Das Gutachten stützt sich dabei nicht nur auf den CLOUD Act von 2018, kodifiziert unter anderem in 18 U.S.C. § 2713 mit der Formel „possession, custody, or control", sondern zusätzlich auf FISA Section 702, den Stored Communications Act, Executive Order 12333 sowie die RISAA-Novelle von 2024, die den Begriff des „Electronic Communication Service Provider" erheblich ausgeweitet hat.
Bemerkenswert ist die praktische Konsequenz: Das BMI hat laut Tagesspiegel Background seine Geheimschutzregeln aufgrund dieses Gutachtens angepasst. Das Innenministerium zieht also selbst Schlüsse daraus, dass ein EU-Standort keine Abschirmung bietet – während dieselbe Argumentation in Beschaffungsunterlagen des Mittelstands noch immer als Restrisiko abgehakt wird.
Was das für die Risikobewertung heißt
Der Punkt ist nicht, dass US-Behörden regelmäßig auf deutsche Mittelstandsdaten zugreifen. Der Punkt ist, dass die Frage nicht durch den Rechenzentrumsstandort beantwortet wird und die Argumentationskette in einer Datenschutz-Folgenabschätzung deshalb an einer anderen Stelle ansetzen muss: bei der Kontrolle über Schlüssel, Betriebspersonal und Abschaltbarkeit. Wie diese Kette bei Cloud-Verträgen konkret bricht, haben wir im Beitrag zu CLOUD Act und Geopatriation ausführlicher aufgedröselt.
Sovereignty Washing: der Begriff und die Substanz
Für das Auseinanderfallen von Souveränitätsversprechen und Souveränitätsstruktur hat sich in der europäischen Open-Source-Szene der Begriff „Sovereignty Washing" etabliert. Nextcloud verwendet ihn in einem Unternehmensblogbeitrag vom 21. Juli 2025, ebenso verwenden ihn VSHN und OpenSource Science B.V. Wie jedes Kampfwort taugt er allein nicht als Bewertungsmaßstab – man braucht das, was darunter liegt.
Der belastbarste Beleg für die Lücke ist keine Meinung, sondern eine Aussage unter Eid. Anton Carniaux, Director of Public and Legal Affairs bei Microsoft Frankreich, sagte im Juni 2025 vor dem französischen Senat aus, er könne nicht garantieren, dass Daten französischer Bürger nicht an US-Behörden herausgegeben werden. Ein Anbietervertreter, unter Eid, zur Kernfrage. Das schlägt jede Marketingfolie – in beide Richtungen: Es entwertet das Versprechen, aber es bestätigt auch, dass die Anbieter das Problem selbst kennen und benennen.
Vier prüfbare Kriterien statt Etiketten
Statt Anbieter nach dem Label „souverän" zu sortieren, lohnt sich eine Prüfung entlang von vier Merkmalen, die sich objektiv belegen lassen:
- Betreiberstruktur: Wer ist Vertragspartner, wem gehört die Gesellschaft, wer kann Weisungen erteilen? Bei der ESC: deutsche GmbHs, Töchter eines US-Konzerns. Bei einem Kontrollgremium zählt außerdem, wie viele Mitglieder beim Anbieter beschäftigt sind – bei der ESC drei von fünf.
- Personal: Wer hat administrativen Zugriff, aus welchem Land, mit welcher Sicherheitsüberprüfung? Hier liefert die ESC mit ausschließlich EU-ansässigem Betriebspersonal tatsächlich eine harte Verbesserung gegenüber Standardregionen.
- Schlüsselhoheit: Wer erzeugt und verwahrt die Schlüssel? Liegen sie beim Anbieter oder in einem HSM unter Kundenkontrolle? Und – der entscheidende Zusatz – kann der Dienst ohne Schlüssel überhaupt funktionieren, oder braucht er die Klartextdaten zur Verarbeitung?
- Modellwahl: Darf der Kunde selbst bestimmen, welches Modell in welcher Version läuft? Katalogmodelle sagen hier strukturell nein, unabhängig vom Standort.
Legt man dieses Raster an, gewinnt die AWS ESC bei Personal und operativer Trennung deutlich, bleibt bei Betreiberstruktur und Modellwahl aber im Rückstand. Das ist keine Nullaussage – es ist eine differenzierte, und genau die fehlt in den meisten Beschaffungsdiskussionen.
Die Alternative durchgerechnet
Die naheliegende Gegenoption zur souveränen Cloud ist ein eigenes GPU-System im eigenen Serverraum. Das ist keine Ideologie, sondern eine Rechnung – und sie geht nicht immer auf. Entscheidend ist ein einziger Faktor: die Auslastung.
Bei On-Premise-Hardware zahlen Sie die Kapazität, nicht die Nutzung. Ein GPU-Server steht nachts genauso im Rack wie mittags. Das ist teuer, wenn er zwei Stunden am Tag arbeitet, und außerordentlich günstig, wenn er durchläuft. In der Cloud ist es umgekehrt: Sie zahlen die Nutzung, aber jede Stunde zum vollen Satz – plus, in der souveränen Variante, den Aufschlag von 15 Prozent.
| Kriterium | Souveräne Cloud (ESC) | Eigenes GPU-System |
|---|---|---|
| Kostenmodell | OPEX, ca. +15 % vs. Public | CAPEX plus Strom, Wartung, Betrieb |
| Verfügbare Beschleuniger | G6 / NVIDIA L4, 24 GB (seit 05/2026) | frei wählbar bis 48–96 GB pro Karte |
| Training / Fine-Tuning | keine P-Instanzen angekündigt | möglich, limitiert durch eigene Hardware |
| Modellauswahl | Anbieterkatalog | jedes lauffähige Open-Weight-Modell |
| Schlüssel & Logs | beim Betreiber, EU-Personal | verlassen den Serverraum nicht |
| Wirtschaftlich ab | schwankender, geringer Last | dauerhafter Grundlast über Monate |
Der Break-even hängt damit an der GPU-Auslastung, nicht am Listenpreis. Eine belastbare Faustregel: Sobald eine Inferenzlast über mehrere Monate hinweg mehr als ein Drittel des Tages Beschleuniger belegt, kippt die Rechnung zugunsten eigener Hardware – und zwar deutlich, weil die Cloud-Kosten linear mitwachsen, während die Hardware bezahlt bleibt. Wer das für den eigenen Fall durchrechnen will, findet im TCO-Rechner die Parameter Auslastung, Modellgröße und Betriebsdauer als Stellschrauben.
Zwei Dinge kommen hinzu, die sich schlecht in Euro ausdrücken lassen, aber in jeder Auditfrage auftauchen: Schlüssel und Protokolle verlassen den Serverraum nicht, und der Modellstand ist eingefroren, bis Sie ihn ändern. Der Preis dafür ist Betriebsverantwortung – Patches, Monitoring, Kapazitätsplanung. Ohne einen belastbaren LLMOps-Prozess wird aus dem eigenen Rack schnell ein Schattenbetrieb, der weniger Kontrolle bringt als der Katalogdienst, den er ersetzen sollte.
Entscheidungsraster für die Beschaffung
Egal ob ESC, Delos, S3NS oder eigenes Rack – diese sieben Fragen gehören in jede Anbieterprüfung, und zwar schriftlich beantwortet, nicht im Vertriebsgespräch:
- Welche Modelle darf ich betreiben, welche nicht? Und wer entscheidet über einen Versionswechsel – Sie oder der Anbieter?
- Wer hält die Schlüssel und wer kann sie herausgeben? Fragen Sie nach dem konkreten Prozess bei einer behördlichen Anordnung, nicht nach der Verschlüsselungstiefe.
- Was passiert bei politisch motivierter Abschaltung? Gibt es einen vertraglich zugesicherten Exit-Pfad mit Datenrückgabe in nutzbarem Format und definierter Frist?
- Welche Services fehlen heute konkret? Servicekatalog gegen die eigene Zielarchitektur abgleichen – und die Antwort mit Datum versehen, weil sie altert.
- Welche Beschleuniger stehen in welcher Größe bereit? Inferenzklasse und Trainingsklasse getrennt abfragen. „GPU verfügbar" ist keine Antwort.
- Wie viel kostet der Aufschlag über die geplante Laufzeit? Aufpreis, fehlendes Free Tier und Support-Staffel über fünf Jahre hochrechnen, nicht über ein Jahr.
- Wer sitzt im Kontrollgremium? Und wie viele davon sind beim Anbieter beschäftigt?
Die ehrliche Zusammenfassung: Die AWS European Sovereign Cloud ist ein echter Fortschritt gegenüber einer Standardregion – bei Betriebspersonal, Trennung und operativer Kontrolle. Sie ist kein Ersatz für eigene Hardware, wenn freie Modellwahl, Fine-Tuning oder eine Jurisdiktionsfrage im Raum stehen, die man nicht an einen US-Mutterkonzern delegieren möchte. Souveränität ist kein Schalter, sondern eine Skala. Die Frage lautet nicht „souverän oder nicht", sondern „souverän genug für welchen Datenbestand".
Für viele mittelständische Anwendungsfälle ist die pragmatische Antwort eine Zweiteilung: unkritische Workloads in der souveränen Cloud, der KI-Kern mit Firmenwissen, Kundendaten und Konstruktionsunterlagen auf einem eigenen On-Premise-KI-Server. Das kostet mehr Denkarbeit als eine Vertragsunterschrift – aber es ist die einzige Variante, bei der die Antwort auf die Frage „wer kann auf unsere Daten zugreifen" nicht mit einem Verweis auf fremdes Recht endet.
Quellen & Primärbelege
Alle Zahlen, Fristen und Produktangaben in diesem Beitrag wurden vor der Veröffentlichung gegen die folgenden Primaerquellen geprüft.
- press.aboutamazon.com aws launches aws european sovereign cloud and announces expansion across europe
- tecracer.com aws european sovereign cloud esc launch pricing and whats next
- tecracer.com working with aws european sovereign cloud esc terraform iac and whats different
- cloudonaut.io aws european sovereign cloud field report
- AWS amazon ec2 g6 aws european sovereign cloud
- docs.aws.eu bedrock
- stormit.cloud european sovereign cloud
- infoq.com aws european sovereign cloud
- datenrecht.ch us zugriffsbefugnisse auf daten in der cloud gutachten uni koeln vom maerz 2025
- fragdenstaat.de 273689 rechtsgutachten zur us rechtslage geschwaerzt
- background.tagesspiegel.de bmi passt wegen cloud gutachten geheimschutzregeln an
- nextcloud.com big tech reist das sovereign cloud versprechen selbst wieder ein
Häufig gestellte Fragen zur AWS European Sovereign Cloud
Löst die AWS European Sovereign Cloud das CLOUD-Act-Problem?
Juristisch nicht vollständig. Ein vom Bundesinnenministerium beauftragtes Rechtsgutachten der Universität zu Köln vom März 2025 kommt zu dem Schluss, dass der physische Speicherort irrelevant ist, solange der Anbieter US-Jurisdiktion unterliegt. Maßgeblich ist die Kontrolle über die Daten – und die liegt bei einer Tochtergesellschaft weiterhin mittelbar beim US-Mutterkonzern. Das Gutachten stützt sich neben dem CLOUD Act auch auf FISA Section 702, Executive Order 12333 und die RISAA-Novelle von 2024.
Wie hoch ist der Aufpreis wirklich?
Unabhängige Preisvergleiche vom Januar 2026 zeigen rund 15 % Aufschlag gegenüber eu-central-1 (Frankfurt) bei EC2, S3, RDS, Lambda und DynamoDB; einzelne Analysen nennen bis zu 17 %. Dazu kommt: In der ESC gibt es kein Free Tier, und der Business-Support startet bei rund 86 Euro pro Monat statt bei 29 US-Dollar. Microsoft Delos liegt bei etwa 15 % über dem deutschen Listenpreis (Spanne 10 bis 20 %), Google Sovereign Cloud/S3NS laut BCG bei 10 bis 20 %. Oracle wirbt mit Listenpreis-Parität, unabhängige Analysen sehen dennoch 15 bis 30 % effektiven Aufschlag.
Kann ich dort meine KI-Workloads betreiben?
Nur eingeschränkt. Zum Start im Januar 2026 gab es in der ESC ausschließlich die Instanzfamilien t, c, m, r und i – überhaupt keine GPUs. Seit dem 7. Mai 2026 sind EC2-G6-Instanzen mit NVIDIA L4 (24 GB pro GPU) verfügbar, also Inferenz- und Grafikhardware. Trainings-GPUs der P-Familie (H100, H200, B200) sind für die ESC bis heute nicht angekündigt. Amazon Bedrock war zum Start auf Amazon Nova Lite und Nova Pro beschränkt, ohne Knowledge Bases und ohne Fine-Tuning. Wer frei wählbare Open-Weight-Modelle oder Trainingskapazität braucht, landet bei eigener Hardware.
Was ist mit Sovereignty Washing gemeint?
Der Vorwurf, dass Souveränität vor allem beworben, aber nicht strukturell hergestellt wird. Der Begriff wird in der europäischen Open-Source-Szene verwendet, unter anderem von Nextcloud in einem Blogbeitrag vom 21. Juli 2025 sowie von VSHN und OpenSource Science. Prüfbar sind vier Dinge: Betreiberstruktur, Personal, Schlüsselhoheit und Modellwahl – nicht das Marketingversprechen. Ein Beispiel für die Lücke dazwischen: Der unabhängige Beirat der AWS ESC hat fünf Mitglieder, drei davon sind Amazon-Beschäftigte.
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